„Wir Kassettenkinder“ spulen vor

Nur wenige Wochen nach dem Erscheinen geht das Buch von Stefan Bonner und Anne Weiss in die dritte Auflage. Stefan Bonner aus Bergisch Gladbach und Anne Weiss aus Köln geben mit „Wir Kassettenkinder“ eine Liebeserklärung an die Achtziger ab. Vieles war in dieser Zeit überschaubar und geordnet. Die Bundeskanzler hießen durchgängig Helmut (bis 1982 Schmidt, danach bis 1998 Kohl). Samstags saß die Familie gemeinsam vor dem Fernsehapparat. Boris Becker und Steffi Graf servierten zuverlässig Siege auf dem Tennisplatz. Rosa-gelb gefärbter Mäusespeck galt als Nahrungsmittel.

Bonner und Weiss, beide Anfang 40, sind selber Kassettenkinder. In ihrem Buch versuchen sie, das Lebensgefühl der Jugendlichen dieses Jahrzehnts einzufangen. „Die Kassette ist ein Symbol für unsere Generation. Wir sind mit der Musikkassette und mit Hörspielen auf Kassette aufgewachsen. Später kamen die Videokassette und die Datasette dazu“, sagt Anne Weiss. „Heute werden Musikbibliotheken individuell aus MP3-Downloads zusammengesetzt. Wir hatten unsere Mix-Tapes“, ergänzt Stefan Bonner. Der Download dieser Zeit war das gleichzeitige Drücken der Play- und Recordtaste am Rekorder, um die Lieblingstitel am Radio mitzuschneiden. Leider funktionierte das nicht immer. Entweder quatschte der Moderator in den Titel hinein oder es knallte ein Verkehrshinweis in die Aufnahme. Gefürchtet war auch der „Bandsalat“. Manchmal gelang es, das im Gerät hängengebliebene Band wieder ins Kassetten-Gehäuse zu zwängen. Dazu drehte man äußerst geduldig eine der kleinen Zahnradspulen der Kassette mit einem Bleistift so lange, bis das Band wieder drin war. Das war eine sehr frühe Form des Streaming.

Liebevoll und nachdenklich

„Wir Kassettenkinder“ enthält sehr viele dieser Geschichten. Es sind Erinnerungs-Schnipsel, die beim Leser je nach Alter Entzücken („Ja, genau so war es“) oder Erstaunen („Krass, was es nicht alles gegeben hat“) auslösen. Anne Weiss und Stefan Bonner beschreiben das Jahrzehnt liebevoll, aber auch nachdenklich. „Wir hatten das Glück, eine Kindheit und Jugend in der besten aller Zeiten erlebt zu haben. Es war das letzte unverfälschte Jahrzehnt“, meint Anne Weiss. „Es gab aber auch Katastrophen wie den Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl, Tanker-Unglücke, Polit-Skandale. Und plötzlich tauchten Berichte über die neue Krankheit AIDS auf. Davor haben wir die Augen nicht verschlossen“, sagt Stefan Bonner. 

Jahrzehnt mit Happy-End

Die Autoren haben einen wunderbaren Blick für Details, bringen die Stimmungen der damaligen Zeit punktgenau rüber und schreiben leicht, anschaulich und humorvoll. Etwa wenn sie an Umwelt-Sünden erinnern, die ungesühnt geblieben sind. Dazu gehörten Klamotten mit Schulterpolstern, in Neonfarben und merkwürdiger Passform. Wir erinnern uns: Es war eine Zeit, in der seltsamerweise kein Friseur wegen Körperverletzung angeklagt worden ist. Viele  Menschen wollten wohl auf dem Kopf so aussehen wir eine Kreuzung aus Igel und Shetlandpony – oben kurz und im Nacken lang. „Die 80er-Jahre sind das einzige Jahrzehnt mit einem echten Happy End“, sagen die Autoren. „Wir Kassettenkinder waren dabei, als das große Ziel der Wiedervereinigung sich zu erfüllen begann.“ Es war eine Zeit, in der alte Versprechen noch etwas galten: auf eine gute Ausbildung, auf angenehme  Jobs, auf eine Zukunft. So empfanden es die Menschen zumindest. Wer konnte schon ahnen, dass die 1990er Jahre die „Generation Praktikum“ hervorbrachte.

Stefan Bonner/Anne Weiss, „Wir Kassettenkinder“, erschienen bei Knaur, 272 Seiten, 16,99 Euro. Das Werk gibt es auch als Hörbuch, Sprecher ist Christoph Maria Herbst.