Weihnachten bei 30 Grad

Foto 2TE

Draußen herrschen tropische Temperaturen. In der Fotoagentur 2TE steht der Weihnachtsbaum. Aus dem Ofen steigt der Duft von Bratäpfeln in die Nase. Weihnachten im Sommer? Das ist für die Kölner Fotoagentur 2TE etwas völlig Normales.

Die Agentur von Regina Tschöpe und Jörg Engels ist spezialisiert auf Food-Fotografie. Ihre Kunden kommen hauptsächlich aus dem Gastronomiebereich. Es sind Agenturen, Verlage, Unternehmen des Lebensmittelhandels und der Industrie. Viele geben jetzt die Fotos für ihre Kataloge, Prospekte, Rezepte etc. in Auftrag. Daher gehen in dem Fotostudio in der Kölner Innenstadt  die saisonalen Uhren etwas anders. Damit Pralinen, Schokokugeln und Printen bei den derzeitigen Temperaturen nicht weglaufen, ist ein Weinkühlschrank die jüngste Anschaffung des Fotostudios.

Kein Chemiebaukasten

Anders ist auch die Arbeitsweise von 2TE. Produziert werden keine Illusionen. Was auf den Fotos zum Anbeißen aussieht,  kann tatsächlich gegessen werden und wird es auch. Die Lebensmittel fürs Foto werden frisch zubereitet. „Das, was bei uns auf dem Tisch und vor der Kamera steht, sieht nicht nur top aus, es schmeckt auch so“, sagt Regina Tschöpe. „Wir möchten keinen schönen Schein abbilden. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Fotos dies auch widerspiegeln. Die Aufnahmen sind authentischer“, sagt Jörg Engels. Dieser Verzicht auf Farbe, Sprays, Nagellack oder Rasierschaum ist in der Branche nicht selbstverständlich. Im Gegenteil. Damit die abgebildeten Lebensmittel so appetitlich aussehen, wird häufig mit allerhand Tricks gearbeitet, da kommt die Frische aus dem Chemiebaukasten.

Ausgebildeter Koch

Regina Tschöpe und Jörg Engels gehen noch einen Schritt weiter. Zum sechsköpfigen Team von 2TE gehört ein ausgebildeter Koch. Seit Ende 2015 ist das Philipp Gerdelmann. Der 34-Jährige arbeitete zuvor in der Spitzengastronomie. Ausgebildet wurde Gerdelmann im Restaurant KAI3 des Hotels Budersand in Hörnum auf Sylt, danach arbeitete er im Gourmet-Restaurant Lerbach und im Restaurant Vendôme, beides Top-Häuser in Bergisch Gladbach. Jetzt ist seine Wirkungsstätte eine gut ausgestattete Gastronomie-Küche im etwa 500 Quadratmeter großen Fotostudio.

Weihnachtsmenü

Der Koch arbeitet Hand in Hand mit den Fotografen. Das sieht beim drei-Gänge-Weihnachtsmenü beispielsweise so aus: Als Vorspeise hat sich Philipp Gerdelmann für gebratene Jakobsmuscheln, verschiedene Wurzelgemüse, gefüllt mit Trüffel- und Kopfsalatcreme sowie ein Salat-Bouquet entschieden. Während die Jakobsmuscheln in der Pfanne eine knusprig-bräunliche Farbe annehmen, richtet der Koch sorgfältig die Salat-Sträußchen an und füllt die Creme in die Gemüseröllchen. Dafür hat er zuvor von Karotten, roter Bete, Rettich und Süßkartoffeln dünne Streifen abgehobelt und blanchiert. Der Rettich ersetzt die ursprünglich für dieses Gericht vorgesehenen Pastinaken. „Die gibt es jetzt nicht, optisch ist Rettich ein passender Ersatz.“ Ebenso wie die zweite  Änderung zum Originalrezept: Statt zu den kostspieligen Trüffeln hat Gerdelmann zu Pumpernickel gegriffen. 

Baum mit goldenen Kugeln

Während der Koch das fertige Gericht auf dem Teller drapiert, macht fünf Meter vom Küchenbereich entfernt Fotograf Christian Pompetzki Kamera und Licht klar. Die Vorspeise stellt Philipp Gerdelmann auf den mit Kunstschnee und Glaskugeln vorbereiteten Festtagstisch.

Im Hintergrund steht der Weihnachtsbaum mit goldenen Kugeln und Lichterkette. Das Foto entsteht in mehreren Schritten. Immer wieder drückt  Christian Pompetzki auf den Auslöser, sieht sich das Ergebnis im Computer an, verändert eine Kleinigkeit, feilt an der Lichtstimmung. Mal muss der Teller ein paar Zentimeter gedreht werden, mal stört ein Hauch von einem Schatten, mal wirkt das Weinglas (natürlich gefüllt mit richtigem Wein) nicht authentisch genug, mal müssen die Kugeln anders angeordnet werden. Wenn alle mit der Aufnahme zufrieden sind, kommt der nächste Gang dran.

Gebratene Entenbrust

Zum heutigen Weihnachtsmenü gehört die Hauptspeise mit gebratener Entenbrust, Spitzkohlroulade und Kartoffelklöße mit Maronen-Nuss-Crumble. Zum Schluss serviert Gerdelmann Bratapfel mit Vanille-Marzipan-Schaum als Dessert.

Wechsel nicht bereut

Seinen Wechsel vom Sterne-Restaurant zur Food-Fotografie hat Philipp Gerdelmann nicht bereut. „Es war natürlich eine Umstellung. Im Restaurant steht man quasi vier, fünf Stunden unter Strom, hier bin ich auf ein Foto und eine Sache fokussiert. Das ist spannend. Man lernt, die Gerichte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten“, sagt der Wahl-Kölner, „mir imponiert, dass hier Food-Fotografie mit einer hohen Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln umgesetzt wird. Ich bin ehrlich: Ich habe vorher nicht geglaubt, dass es möglich ist, auf den Chemiebaukasten zu verzichten. Ist es aber.“